swell – im Sog der Welle

Vom 19. März – 21. Mai 2011 steht die Sparda-Bank-Filiale in der Königsstraße in Münster im Zeichen der fließenden Übergangsinszenierung, der Welle.
Unter dem Titel „swell“ versammeln sich über zwei Monate lang verschiedenste Design-Objekte unter dem gemeinsamen Nenner der wellenförmigen Gestaltung. Zumindest in Surferkreisen ist der Begriff „swell“ geläufig, bezeichnet er doch eine Formation besonders hoher und kompakter Wellen – der Höhepunkt für passionierte Surfer. Einen Höhepunkt verspricht die Ausstellung im Kettelerschen Hof auch für all diejenigen zu werden, die in der Vorherrschaft des rechten Winkels keineswegs das Maß aller Dinge sehen. Die von der Stiftung Kunst, Bildung und Erziehung der Sparda-Bank Münster initiierte Ausstellung zeigt eine Auswahl von Exponaten, bei denen die quirlige Wasserwelle Pate stand.

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Alles fließt: Diese Erkenntnis des griechischen Philosophen Heraklit zieht sich als gewundener roter Faden durch die Geschichte von Architektur und Design. In den USA verbreitet sich seit dem Ersten Weltkrieg das stromlinienförmige Produktdesign. Wurde diese „Streamline“ durch die Erkenntnisse der Aerodynamik inspiriert, so lassen sich die Werke der Ausstellung „swell“ mit dem Oberbegriff der „Aquadynamik“ charakterisieren. Sie animieren zum Surfen mit den Augen.

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Ausstellungsdauer

19.03.2011 – 21.05.2011

 

Ausstellungsorte

Sparda-Bank Münster
Filiale Münster-City
Kettelerscher Hof
Königsstraße 51-53
48143 Münster
Sparda-Bank Münster
Filiale Münster-Bahnhof
Berliner Platz 31
48143 Münster

Sparda-Bank Münster
Filiale Münster-Zentrum Nord
Joseph-König-Straße 3
48147 Münster

 

Kuratoren

Silke Rehberg

Ludger Sandknop

Interview mit den Kuratoren Silke Rehberg und Ludger Sandknop.

 

1. Die Design-Ausstellungen in der Sparda-Bank präsentierten bisher immer einen herausragenden Designer oder eine Designer-Bewegung wie z. B. Memphis. Die neue Ausstellung „SWELL“ beleuchtet nun ein einzelnes Gestaltungselement und geht damit einen anderen Weg. Was macht dieses Konzept so interessant?

 

Silke Rehberg:

Wir wollten einen Beweggrund für Gestalter bei der Formfindung entdecken und haben dabei festgestellt, dass diese Prinzipien bereits uralt sind. Man findet schon in der Antike und vielleicht sogar davor Gestaltungen, die diesen Gedanken des Immer-Wiederkehrens, der Wellenbewegung, des Auf und Nieder verpflichtet sind und das zieht sich bis heute fort. So ein Prinzip hat den Vorteil, dass es mehr die Arbeit eines Designers beleuchtet: Wie denkt er? Mit welchen Augen geht er durch die Welt um auf so ein Endprodukt zu kommen?

Während eine Personalschau immer die Gedanken einer Person beleuchtet, ist das hier eine Schau, welche die Gedankenwelt vieler Personen in einem gemeinsamen Vielfachen beleuchtet. Es ist spannend, sich einmal dem Design über dem Ansatzpunkt zu nähern, auch wenn es dann wieder darum geht, ein Endprodukt in den Händen zu halten.

 

Ludger Sandknop:

Ich glaube, dass es bei diesem Prinzip zwei Gründe gibt. Zum einen das Formale: Wie wirkt die Welle? Welchen Eindruck macht sie? Welchen psychologischen Effekt hat sie auf den Betrachter? Zum anderen die Konstruktion. Es gibt viele Objekte, bei denen die Welle ein Konstruktionsmerkmal ist, in denen sie Stabilität und Flexibilität darstellt. Zum Beispiel bei einer wellenförmigen Bank in der Ausstellung: Die Besucher setzen sich in die Welle, begeben sich in die Welle, drücken die Welle zusammen und wenn sie aufgestanden sind, ist die Welle wieder da. Und diese beiden Aspekte, das Konstruktionsprinzip und das formale Prinzip, in einer wechselnden Konstellation, das ist äußerst spannend.

Es gibt Objekte, da sind die Wellen nicht notwendig, aber bei manchen sind sie zwingend, sonst würde alles zusammenbrechen. Beide Sachen verzahnen sich. Das ist auch etwas, das Designer gegeneinander ausspielen und auch ausreizen. Wie wird der Gedanke umgesetzt? Wie inszeniert man? Wie baut man sie auf? Durch Wiederholung, durch Größe oder Kontraste? Das ist bei einigen Stücken ganz gut zu sehen.

2. Ist dieses Prinzip leicht verständlich? Oder benötigt jede Besucherin und jeder Besucher eine gesonderte Erklärung?

Silke Rehberg:

Ich glaube, das Thema ist anthropologisch so nah bei jedem Menschen weil es so stark mit dem Medium Wasser verbunden ist. Der Mensch kommt aus dem Wasser. Wenn jemand die Ausstellung ansieht, findet er auf einmal eine Anhäufung von Stücken, die alle irgendwie wieder auf diesen Ursprung zurückgeführt werden können. Daher denke ich, die Erklärung der Stücke kann sich aus der Anschauung ergeben.

Ludger Sandknop:

Die Welle ist sehr emotional. Sie ist etwas Weiches, Großes, Umfassendes. Sie stößt nicht ab, sie hat etwas Beruhigendes.

Silke Rehberg:

Das Medium Wasser beinhaltet das Unergründliche, das Tiefe. Das macht auch die Stärke eines Prinzips aus, dass es immer eine Form von Zähmung bedeutet. In dem Moment, wo ich mich so einem Medium wie Wasser oder Wellen annähere, gieße ich es beim Umsetzen in eine Form oder in eine Struktur. Dadurch zähme ich es, das macht es für mich nachvollziehbarer, leichter. Dieser Umgang mit den Grundprinzipien hat etwas Menschliches, denn es bedeutet, dass man sich mit der Welt, in die man hineingeworfen wurde, auseinandersetzt. Das ist auch eine Grundmotivation allen Entwerfens und Konstruierens, es umgänglich zu machen.

Ludger Sandknop:

Es gibt einen Surferspruch: Du kannst die Wellen nicht aufhalten, aber du kannst lernen, sie zu surfen.

3. Wie sind Sie bei der Auswahl der Objekte vorgegangen und was waren ihre Kriterien?

 

Silke Rehberg:

Wir haben nach Prinzipien gesucht und dann durch diese Prinzipien auf die Welt der Designstücke oder der Gestaltung im weitesten Sinne geschaut. Es ging uns aber nicht nur darum, eine gewellte Form zu finden. Wir haben sowohl das Konstruktionsprinzip als auch den Umgang mit dieser Form als auch den anthropologischen Ansatz untersucht. Die Stücke, bei denen diese Kriterien in einer guten Homogenität zusammengeführt worden waren, wurden von uns herausgegriffen. Dann ergibt sich nach und nach eine Schnittmenge von circa 80 Objekten und die schrumpfen dann zusammen, bis man eine Kernausstellung hat. Wenn es dann in die praktische Umsetzung kommt, stellt man bei vielen Stücken fest, dass sie nicht verfügbar sind. Auch aus praktischen Gründen fällt das ein oder andere Objekt raus.

Die Stücke müssen zusammenpassen, für sich, aber auch in der Gruppe der Ausstellung einen Stellenwert haben. Insgesamt sind es 21 Stücke geworden.

4. Die Ausstellung „SWELL“ soll die Welle als Gestaltungsmittel inszenieren. Keine leichte Aufgabe in dem überschaubaren Raum der Sparda-Bank in der Königsstraße. Wie sieht das Ausstellungsdesign denn aus?

Ludger Sandknop:

Der Besucher wird direkt in die Welle hereingezogen und bereits unten im Kassenschalter mit einer bewegten Installation abgeholt, einem Surf-Video von mehreren Wellen. Wenn er dann die Treppe hochgeht, beginnt dort ein wellenförmiger Teppich, der ihn durch die Ausstellung führt. Die Ausstellungsstücke sind auf Podesten platziert, einen festen Abschluss bildet ein großes Podest mit Stellwand. In der Mitte steht das Hauptobjekt. Außerdem werden in der Stadt zwei Fixpunkte gesetzt, zum einen am Münsteraner Hauptbahnhof, in der Filiale am Bremer Platz, zum anderen im Zentrum Nord, Joseph-König-Straße. Dort wird jeweils ein Objekt mit dem Hinweis zu dieser Ausstellung platziert.

Silke Rehberg:

Wir müssen dem Raum Tribut zollen, es ist kein abgeschlossener musealer Raum. Das finde ich aber nicht tragisch, ganz im Gegenteil, denn es sind alles Gegenstände, die für die Benutzung, für den Gebrauch von Menschen ausgerichtet sind. Je mehr man sie herausnimmt und je musealer man sie stellt, desto mehr verlieren sie ihren Gebrauchscharakter und damit auch ein Stück ihres Wesens. Es sind keine Sachen, um die man eine Vitrine herumbaut. Das ist die Stärke dieser Ausstellung, dass man Design präsentiert, wo noch das Leben stattfindet, wo man durchgeht, und wo sich auch mal jemand reinsetzt. Die Objekte werden dadurch lebensnah.

5. Um die Ausstellungsstücke zusammenzutragen, haben Sie Kontakt mit Designern weltweit aufgenommen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Ludger Sandknop:

Im Großen und Ganzen sind alle sehr aufgeschlossen gewesen, interessiert für die Ausstellung, sehr zuvorkommend.

Silke Rehberg:

Es ist leichter, wenn man im Nachbarort, in Deutschland oder in Europa arbeitet. Wenn man mit Australien kommuniziert, muss man nachts aufstehen. Es findet alles auf Englisch statt. Obwohl wir es gut beherrschen, bleibt immer die Unsicherheit, ob man sich richtig versteht. Ich weiß beispielsweise nicht, ob es ein vorgeschobenes Argument ist oder ob mein Gegenüber es ernst meint, wenn er einen bestimmten Preis für ein Objekt vorschlägt.

Es ist interessant, mit jemandem aus Japan wochenlang per Mail zu kommunizieren und nicht zu wissen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Das würde natürlich nicht passieren, wenn ich es mit einer Gisela oder einem Peter zu tun hätte. Das sind so Kleinigkeiten, aber es ist schon relativ aufwändig. Man muss sein Projekt erst einmal darstellen, sich vorstellen. Bis man dann zu einer konkreten Anfrage kommen kann, hat man schon einige Mails gewechselt. Dadurch wird alles etwas verzögert.

Es gab auch ein Stück, den Stuhl Peacock, das schon präsentiert wurde, aber bei unserer Anfrage stellte sich heraus, dass es erst nach dieser Ausstellung in die Produktion ging, bei der einige Probleme auftraten. Daran haben wir gemerkt, ein Jahr Planung für eine Ausstellung zu haben ist gar nicht so viel Zeit, wenn der Stuhl erst konstruiert werden muss.

Ludger Sandknop:

Der Peacock ist noch nicht im Verkauf, wir sind da vielleicht die ersten oder sogar die einzigen, die einen bekommen werden. Wir haben auch ein exklusives Stück, das zurzeit für uns angefertigt wird. Von der ganzen Serie gibt es zwei oder drei, die aber in New York in einer Galerie stehen und nicht auszuleihen waren. Deshalb hat der Designer für uns exklusiv ein weiteres gefertigt.

6. Wenn Sie einem Münsteraner oder Münster-Besucher in kurzen Worten erklären möchten, warum er sich die Ausstellung unbedingt ansehen sollte: Was würden Sie sagen?

 

Silke Rehberg:

Es geht um das Prinzip, nicht darum, eine Person darzustellen. Wie tickt der Mensch, wenn er sich um Gestaltung bemüht? Mit was für grundsätzlichen Vorentscheidungen betrachtet er die Welt und sucht sich die Dinge zusammen, aus denen er dann seine Stücke gestaltet? In dieser Ausstellung kann man einen Blick auf eine Möglichkeit der Weltdarstellung werfen. Wie wollen wir leben? Mit was für Materialien wollen wir uns umgeben und in welcher Form sollen die sein? Was für eine Bandbreite von Oberflächengestaltung, von Konstruktionsdurchsichtigkeit verwenden wir?

Mit dieser Form der Ausstellung präsentieren wir nicht nur eine Position, sondern die Bandbreite der Position, die auch an ein wiederkehrendes Prinzip angedockt wird. Sichtbar wird ein Lebensausschnitt. Diese ganze Vielfalt an einem Prinzip darzustellen hat schon etwas mit dem aktuellen Leben und Überleben zu tun.

Ludger Sandknop:

Ich glaube, die Ausstellung spricht auch Sehnsüchte an. Das sind im Prinzip alles Phantasien, die da stehen. Es gibt ein Tablett, das aussieht wie eine Welle. Das heißt, ich hole mir ein Stück Wasser, das auch noch aus Plastik besteht und stelle es mir auf den Tisch. Ich setze mich in einen Sessel, der eine Wellenform hat, also möchte ich mich irgendwo in die Natur setzen und es mir gut gehen lassen.

Silke Rehberg:

Es ist ein Vorgriff auf das, was mit diesen aktuellen Materialien möglich ist. So ein Tablett hätte man vor hundert Jahren noch nicht machen können. Man arbeitet immer mit dem Möglichen an Menschheitsträumen. Das ist auch ein Traumprinzip, das dahintersteckt: Wie bewältige ich Natur? Wie bewältige ich Masse, die sich zu Formen gießt?

In gestalterischer Sicht ist hier eine Form davon präsentiert: Was für Menschen möglich ist mit Zukunftsbewältigung, Gegenwartsbewältigung auf diese spielerische Art, also ein ganz leichtes, aber auch grundlegendes Prinzip.

7. Inwiefern war das Alter der Objekte entscheidend?

Ludger Sandknop:

Es war nicht das wichtigste Kriterium. Trotzdem sind die Objekte meistens 1-2 Jahre alt. Wir wollten aber wissen, wie die Leute heute mit dem Prinzip „Welle“ umgehen.

Silke Rehberg:

Es gibt auch Entwürfe, die älter sind, zum Beispiel von Frank Gehry, aber das sind Entwürfe, die auch einen Aktualitätswert haben. Der Wille der Ausstellung ist aber nicht, das Aktuellste zu zeigen, sondern das, was es auf den Punkt brachte, was wir mit dieser Idee gerne zeigen wollten. Heute ist es sehr virulent, weil man sehr viele Sachen konstruieren kann, rechnergestützt und materialgestützt, wo es vor 50 Jahren noch schwergefallen wäre. Hier kann man als Beispiel das Design von Sportschuhen verwenden, in denen überall Wellenformen vorkommen, die gleichzeitig als Konstruktionsprinzip genutzt werden. Das Prinzip ist heute viel mehr in der Breite angekommen, es wird als Konstruktionsprinzip benutzt.